Wenn die Seele den Körper entzündet – Psychoneuroimmunologie und Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankungen gehören zu den komplexesten Krankheitsbildern der modernen Medizin. Sie sind auf den ersten Blick rein körperliche Erkrankungen: Das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper, entzündet Gewebe und zerstört Strukturen.

 

Die aktuelle Forschung und die psychoneuroimmunologische Sichtweise zeigen: Körper, Psyche und soziale Umwelt sind untrennbar miteinander verwoben.

 

Doch eigentlich sind dies „old news“, denn bereits seit den 1950er Jahren galten die sog. "Holy Seven" oder "Heiligen Sieben" als klassische psychosomatische Erkrankungen. Diese wurden von Franz Alexander, einem Mitbegründer der psychosomatischen Medizin, definiert. Alexander nahm an, dass spezifische Konflikte und emotionale Belastungen maßgeblich zur Entstehung dieser Krankheiten beitragen

 

Schon er fand heraus, dass Autoimmunerkrankungen nicht allein durch genetische Disposition oder Umwelteinflüsse entstehen, sondern an eben dieser Schnittstelle von Psyche, Nervensystem, Immunsystem und unseren sozialen Dynamiken.

Holy Seven - an der Schnittstelle von Psyche, Nerven-, Immun- system und unseren sozialen Dynamiken

Die klassischen „Holy Seven“ sind:

  • Ulcus duodeni: (Zwölffingerdarmgeschwür)
  • Colitis ulcerosa: (entzündliche Darmerkrankung)
  • Essentielle Hypertonie: (primärer Bluthochdruck)
  • Rheumatoide Arthritis: (entzündliche Gelenkerkrankung)
  • Hyperthyreose: (Überfunktion der Schilddrüse)
  • Neurodermitis: (atopische Dermatitis)
  • Asthma bronchiale

Zusätzlich zu den "Holy Seven" werden auch andere Erkrankungen, wie zum Beispiel Migräne, psychogene Darmstörungen (Reizdarm), Tinnitus, Anorexie, Adipositas, Bulimie, Allergien und sogar Krebs gelegentlich als psychosomatisch betrachtet.

 

Dieser ganzheitliche Blick – die bio-psycho-soziale Perspektive – zeigt, wie eng seelische Belastungen, Stressverarbeitung und körperliche Reaktionen ineinandergreifen.

Stress als Dauerfeuer auf das Immunsystem

Chronischer Stress verändert die hormonelle Steuerung.

Das Stresshormon Cortisol soll eigentlich Entzündungen dämpfen. Bei Dauerstress kommt es jedoch zu einer Art „Cortisol-Resistenz“. Die Immunzellen reagieren nicht mehr adäquat, das Immunsystem gerät aus der Balance – und wendet sich gegen den eigenen Körper.

 

Akuter Stress ist für den Organismus eine sinnvolle Reaktion:

Er aktiviert das sympathische Nervensystem, setzt Adrenalin und Cortisol frei und versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Doch chronischer Stress – ungelöste Konflikte in der Familie oder Partnerschaft, andauernde private oder berufliche Überlastung, traumatische Erfahrungen vor allem in der Kindheit – führt zu einer dauerhaften Fehlregulation der hormonellen Steuerung.

 

Das Cortisol, das eigentlich Entzündungen dämpfen soll, verliert bei Dauerstress seine Wirksamkeit und es entsteht die „Cortisol-Resistenz“.

 

Die Folge: Das Immunsystem schaltet in eine Überaktivität und beginnt, körpereigene Strukturen anzugreifen.

Der Mensch bekämpft sich sozusagen selbst und „löst“ damit den inneren seelischen Konflikt, den er nicht auszufechten vermochte.

Psychodynamik und Autoimmunerkrankung

Viele Betroffene berichten von ungelösten inneren Konflikten: unterdrückte Aggression, nicht gelebte Bedürfnisse, fehlende Abgrenzung. Das Immunsystem kann also als „Spiegel der Psyche“ verstanden werden. Was seelisch nicht ausgedrückt werden darf, verlagert sich in den Körper: Angriffe nach außen verwandeln sich in Angriffe nach innen. Autoimmunprozesse werden so zum Ausdruck einer fehlgeleiteten Selbstbeziehung.

 

Fallvignette: Karin, 32, leidet an Migräne. In der Therapie wird deutlich, dass sie als Kind ständig den Wutausbrüchen und körperlichen Übergriffen ihrer psychisch kranken Mutter ausgesetzt war. Gefühle von Ohnmacht und Bedrohung haben ihr Nervensystem geprägt. Heute reagiert sie hypersensibel auf Beziehungen und Konflikte und kann ihre eigene Wut nur als intensiven Spannungskopfschmerz wahrnehmen, der sie tagelang lahmlegt. Wenn sie die Wut versteht und zulässt, kann sie mittlerweile den Migräneschub aufhalten.

Traumatische Erfahrungen als immunologisches Erbe

Frühe Traumata oder emotionale Vernachlässigung hinterlassen nicht nur seelische Spuren, sondern „programmieren“ auch das Immunsystem. Studien zeigen: Wer als Kind unsichere Bindungen erlebt, hat im Erwachsenenalter häufiger Fehlregulationen des Immunsystems.

 

Manche Menschen kommen sogar bereits mit einem fehlregulierten Immunsystem auf die Welt. Denn das Immunsystem entwickelt sich bereits im Mutterleib.

 

Vor allem chronischer Stress, den eine werdende Mutter erlebt, schreibt sich in die Immunsignatur des Babies ein und diese Kinder benötigen dann ganz besonders viel Zuwendung und Aufmerksamkeit nach der Geburt.

 

Fallvignette: Thomas, 35, leidet an Morbus Crohn. In der Therapie wird deutlich, dass er als Kind ständig die heftigen Streitigkeiten seiner Eltern erlebte. Gefühle von Ohnmacht und Bedrohung haben sein Nervensystem geprägt. Heute reagiert sein Darm hypersensibel auf Konflikte – als ob die alten Spannungen weiter in ihm toben.

Wie Körper, Seele und Beziehungen zusammenarbeiten - ein Kreislauf

Man kann sich unser Leben wie einen großen Kreislauf vorstellen:

 

Von oben nach unten

 

Das, was wir in unserem Leben erleben – unsere Familie, Beziehungen, Arbeit, Stress oder frühe Traumata – wirkt auf unseren Körper. Manchmal unbewusst, also ohne, dass wir verstehen, was uns aus der Vergangenheit noch belastet. Vor allem unser Immunsystem reagiert sehr sensibel darauf. Wenn wir viele Belastungen erleben oder erlebt haben, kann das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Manchmal besteht dieses Ungleichgewicht schon seit der Kindheit. Siehe dazu auch meinen Artikel über die Stress-Hyper-Response-Period.

 

Von unten nach oben

 

Gleichzeitig sendet der Körper Signale zurück an unsere Gefühle und unser Gehirn. Wenn das Immunsystem in Dauer-Alarm ist (z. B. durch chronische Entzündungen), fühlen wir uns erschöpft, gereizt oder ängstlich.

 

Ein ewiger Kreislauf

 

Beide Richtungen hängen eng zusammen: Unsere Seele beeinflusst unseren Körper – und unser Körper beeinflusst unsere Seele. Das kann zu einem Teufelskreis werden, aber auch zu einem Heilungskreis, wenn wir lernen, wieder beide Ebenen zu berücksichtigen.

Der Sprache des Körper lauschen: Symptome als Ausdruck unbewusster Konflikte

Autoimmunerkrankungen sind oft Symbolträger ungelöster seelischer Themen. Der Körper spricht dort, wo die Psyche keine Worte findet. Einige Beispiele:

  • Haut (z. B. Psoriasis): Abgrenzung, „ich will niemanden an mich heranlassen“, bzw. auch eine große Sehnsucht nach Nähe
  • Darm (z. B. Colitis ulcerosa): Probleme, „etwas zu verdauen“ – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.
  • Gelenke (z. B. Rheuma): Erstarrung, „etwas nicht bewegen können“, im Körper wie im Leben.

Fallvignette: Elena, 29, entwickelt in einer belastenden Partnerschaft eine schwere Psoriasis. Immer wenn sie sich innerlich nicht abgrenzen kann, flammt die Haut auf. Erst als sie lernt, ihre eigenen Bedürfnisse nach Nähe und nach Autonomie klarer zu vertreten, bessern sich auch die Hautsymptome.

Therapeutische Konsequenzen: Heilung braucht Ganzheit

Wenn es schwer ist, über alte Verletzungen oder Traumata zu sprechen, ist es oft hilfreich, zuerst über den Körper zu arbeiten. Z. B. mit sanfter Körpertherapie, Craniosacral, Rebalancing, mit Akupunktur oder Entspannungsübungen. So fühlt man sich gehalten und sicher.

 

Wenn Sicherheit entsteht, kann man irgendwann auch über das sprechen, was tief belastet. Aber nur dann, wenn man dazu bereit ist.

 

Das Ziel dabei ist, den Kreislauf so zu verändern, dass Körper und Seele wieder in eine gesunde Balance kommen – weniger Stress, weniger Entzündung, mehr innere Ruhe und Vertrauen.

 

Denn eine rein medikamentöse Behandlung bleibt oft unvollständig. Wirksame Ansätze verbinden heute medizinische, psychotherapeutische und körpertherapeutische Verfahren:

  • Medizinisch: Entzündungshemmung, Immunmodulation (Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und Ernährung)
  • Psychologisch: tiefenpsychologisch fundierte Therapie, die das Unbewusste mit einbezieht, Traumatherapie, Arbeit an Selbstwert und Abgrenzung sowie an den Mustern aus der Kindheit
  • Körperlich: Körpertherapien zur Regulation des Nervensystems (Craniosacrale Körperarbeit, Somatic Experience, Mikrokinesie, Tapping, Atem- und Achtsamkeitsübungen sowie Massagen, Tanz und Meditation)
  • Sozial: Aufbau tragfähiger Beziehungen, Arbeit an familiären oder beruflichen Rollenstrukturen

Autoimmunerkrankungen sind keine rein körperlichen Defekte oder genetischen Schicksale, sondern bio-psycho-soziale Geschehen. Sie sind Ausdruck einer frühen Überforderung der Selbstregulation – körperlich, seelisch und sozial.

 

Heilung im umfassenden Sinn bedeutet, nicht nur Entzündungen durch Medikamente zu hemmen, sondern auch die Sprache des Körpers zu verstehen, seelische Verletzungen zu integrieren und neue, gesunde Beziehungs-erfahrungen zu ermöglichen.